Die erste Führungskraft scheitert selten nur an der Person
Wenn ein junges Unternehmen die erste Führungskraft einstellt, klingt das nach Entlastung. Endlich übernimmt jemand Vertrieb, Produkt, Operations oder Marketing. In der Praxis entsteht aber oft eine neue Reibung. Der Gründer erwartet selbständiges Handeln, greift gleichzeitig in jede Entscheidung ein und wundert sich danach, warum die neue Rolle nicht trägt.
Der Kernfehler liegt selten nur beim neuen Menschen. Häufig wurde Verantwortung nicht wirklich übergeben. Sie wurde ausgesprochen, aber nicht operationalisiert. Das Team hört einen neuen Titel. Die alte Gründerlogik bleibt trotzdem bestehen. Alle fragen weiter beim Gründer nach, der Gründer entscheidet weiter mit und die neue Führungskraft wird zur besser bezahlten Koordinatorin ohne echte Autorität.
Meine klare Meinung: Erste Führungskräfte brauchen weniger Willkommensfolien und mehr Entscheidungsraum. Wer diese Rolle einstellt, muss nicht nur Aufgaben abgeben. Er muss sichtbar ändern, wer welche Entscheidung treffen darf, welche Konflikte bei wem landen und woran Erfolg gemessen wird. Sonst kauft das Unternehmen Führung ein und behandelt sie wie zusätzliche Ausführung.
Fehler eins ist eine Rolle ohne Entscheidungsgrenzen
Der häufigste Übergabefehler ist eine Stellenbeschreibung voller Aufgaben, aber ohne klare Entscheidungsrechte. Dort steht dann „verantwortlich für Sales“, aber nicht, ob die Person Preise anpassen darf, Angebote ablehnen kann, Zielkunden priorisiert oder Kampagnen stoppt. Im Alltag führt das zu Warteschleifen. Jede relevante Entscheidung muss noch einmal zurück zum Gründer. Für das Team ist damit nicht die neue Rolle maßgeblich, sondern weiterhin die alte Abkürzung.
Ein zweiter Fehler ist die unsichtbare Nebenhierarchie. Offiziell hat die neue Führungskraft Verantwortung. Praktisch gehen Mitarbeitende weiter direkt zum Gründer, weil das früher schneller war. Der Gründer beantwortet diese Fragen aus Hilfsbereitschaft. Genau dadurch untergräbt er die neue Rolle. Das ist nicht böse gemeint, aber es sendet ein klares Signal: Die alte Instanz bleibt die eigentliche Macht.
Der dritte Fehler ist ein Erfolgskriterium, das eher nach Hoffnung als nach Führung klingt. „Bring Ordnung rein“, „mach den Bereich professioneller“ oder „sorge für Wachstum“ reicht nicht. Eine neue Führungskraft braucht harte und weiche Signale. Welche drei Ergebnisse zählen in den ersten 90 Tagen? Welche Entscheidungen sollen ohne Gründer getroffen werden? Welche wiederkehrenden Probleme müssen verschwinden?
Ein plausibles Beispiel: Eine Gründerin holt einen Head of Sales, weil sie selbst nicht mehr alle Gespräche führen kann. Der neue Lead soll die Pipeline strukturieren. Gleichzeitig genehmigt die Gründerin weiterhin Sonderrabatte, springt in jeden großen Call und entscheidet, welche Leads priorisiert werden. Nach drei Monaten wirkt der Head of Sales schwach. In Wahrheit hatte er nie die volle Rolle.
Eine gute Übergabe verändert das Verhalten aller Beteiligten
Die Lösung ist kein schweres Managementsystem. Eine gute Übergabe besteht aus einem sichtbaren Schnitt. Der Gründer sagt dem Team, welche Entscheidungen ab sofort in der neuen Rolle liegen. Er hält sich danach auch daran. Wenn jemand den alten Weg nimmt, verweist er zurück. Das fühlt sich anfangs ungewohnt an. Genau das ist der Punkt.
Praktisch hilft ein kurzer Übergabevertrag. Darin stehen Verantwortungsbereich, Entscheidungsrechte, Eskalationsregeln und die ersten 90 Tage Ziele. Wichtig ist nicht die juristische Form, sondern die soziale Klarheit. Alle müssen wissen, worüber die neue Führungskraft selbst entscheidet und wann der Gründer noch eingebunden wird.
Der Tiefenpunkt ist die eigene Disziplin des Gründers. Viele Gründer geben Aufgaben ab, aber nicht Deutungshoheit. Sie wollen entlastet werden, aber weiterhin der schnellste Problemlöser bleiben. Das funktioniert nicht. Führung entsteht erst, wenn andere Menschen sichtbar erleben, dass die neue Rolle echte Konsequenz hat.
Mein Fazit: Die erste Führungskraft ist kein zusätzlicher Arm des Gründers. Sie ist ein Test, ob das Unternehmen Verantwortung von Personen auf Rollen übertragen kann. Wer diese Übergabe sauber macht, gewinnt Tempo und Führungsfähigkeit. Wer sie nur ankündigt, bekommt eine teure Zwischenrolle, die alle frustriert und den Gründer am Ende wieder in die Mitte zieht.
Quelle: Pexels

