Der Mythos vom mutigen Sprint ist zu bequem
Wachstum klingt oft nach Aufbruch. Neue Kampagne, neues Angebot, neuer Kanal, neues Tool, mehr Tempo. In Gründerteams entsteht daraus schnell ein Mythos: Wer zu lange über Risiken spricht, bremst. Wer einfach startet, lernt schneller. Wer vor dem Sprint schon Einwände sammelt, ist nicht mutig genug.
Diese Sicht ist bequem, aber gefährlich. Natürlich lernen Teams durch Umsetzung. Doch viele Wachstumsfehler sind nicht überraschend. Sie waren vorher sichtbar, wurden nur nicht ausgesprochen. Der falsche Kundentyp, ein zu schwaches Angebot, fehlende Kapazität in der Lieferung, unklare Zuständigkeiten, ein Kanal ohne realistische Rückmeldung. Nachher heißen diese Punkte Learnings. Vorher wären sie vermeidbare Risiken gewesen.
Ein Pre Mortem dreht die Perspektive um. Das Team stellt sich vor, der geplante Sprint sei gescheitert, und fragt: Woran lag es? Diese Übung ist kein Pessimismus. Sie ist ein kurzer Realitätstest, bevor Geld, Zeit und Aufmerksamkeit gebunden werden.
Meine klare Meinung: Gründer brauchen nicht weniger Mut, wenn sie vor einem Sprint Risiken benennen. Sie brauchen besseren Mut. Blinder Optimismus fühlt sich schneller an, aber er verschiebt schlechte Annahmen nur nach hinten. Ein gutes Pre Mortem schützt den Sprint, weil es ihn konkreter macht.
Realität heißt Risiken in Entscheidungen übersetzen
Ein Pre Mortem wirkt nur, wenn es nicht zur allgemeinen Sorgenrunde wird. Es braucht eine klare Struktur. Zuerst wird das Ziel des Sprints formuliert. Danach schreibt jeder für sich auf, warum der Sprint in sechs Wochen gescheitert sein könnte. Dann werden die Risiken sortiert. Am Ende entscheidet das Team, welche Annahmen vor dem Start geprüft oder begrenzt werden.
Der wichtigste Unterschied liegt zwischen Risiko und Ausrede. „Der Markt ist schwierig“ hilft nicht. „Wir erreichen mit diesem Kanal vermutlich Gründer ohne akuten Kaufdruck“ ist brauchbar. „Es fehlt Zeit“ ist zu allgemein. „Die Lieferung kann bei mehr als fünf Neukunden pro Woche nicht sauber onboarden“ ist entscheidbar.
Ein plausibles Szenario: Ein kleines B2B Team plant einen vierwöchigen LinkedIn Sprint für ein neues Angebot. Im Pre Mortem fällt auf, dass der Zielkunde zwar auf LinkedIn erreichbar ist, aber die Kaufentscheidung intern über operative Schmerzpunkte läuft. Die Kampagne würde Aufmerksamkeit erzeugen, aber keine Dringlichkeit. Die Korrektur ist kein Abbruch, sondern ein besserer Beweis: drei echte Problemgespräche vor dem Content Start und ein klareres Beispiel im Angebot.
Der Tiefenpunkt liegt in der Priorisierung. Teams finden oft zehn mögliche Risiken und behandeln danach keines richtig. Besser ist eine harte Auswahl. Welche zwei Risiken würden den Sprint wirklich entwerten? Welche Annahme muss stimmen, damit das Projekt überhaupt sinnvoll ist? Genau dort gehört vor dem Start ein kleiner Test hin.
Drei Fragen reichen für den Anfang
Ein Gründerteam kann ein Pre Mortem in dreißig Minuten durchführen. Es braucht kein Framework Deck. Es braucht Ehrlichkeit und eine Entscheidung am Ende. Die drei besten Einstiegsfragen sind einfach: Was müsste schiefgehen, damit dieser Sprint trotz viel Arbeit keinen echten Fortschritt bringt? Welche Annahme behandeln wir gerade so, als sei sie bewiesen? Wo würde ein Erfolg im Marketing später operativ weh tun?
Danach sollte jede Antwort in eine Maßnahme übersetzt werden. Ein Risiko kann geprüft, begrenzt, sichtbar gemacht oder bewusst akzeptiert werden. Nicht jedes Risiko muss verschwinden. Aber jedes zentrale Risiko sollte einen Besitzer haben. Sonst bleibt es ein Satz im Raum.
Praktisch heißt das: Vor dem nächsten Wachstumsprojekt einen Termin setzen, das Scheitern vorwegnehmen, die Risiken sortieren und genau zwei Annahmen testen. Wenn dabei herauskommt, dass der Sprint angepasst werden muss, ist das kein Verlust. Es ist der erste gewonnene Lernzyklus, bevor die eigentliche Arbeit beginnt.
Mein Fazit: Ein Pre Mortem macht Gründerteams nicht vorsichtiger im schlechten Sinn. Es macht sie wacher. Wachstum braucht Tempo, aber Tempo ohne Risikoblick produziert vermeidbare Schleifen. Wer vor dem Sprint fragt, warum er scheitern könnte, startet nicht schwächer. Er startet mit weniger Selbsttäuschung.
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